Tarek K.I.Z, warum dreht man Musikvideos, in denen AfD-Politiker*innen getötet werden?

In einem Slasher-Musikvideo tötet Rapper Tarek K.I.Z Menschen, die AfD-Politiker*innen ähnlich sehen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie weit Kunst gehen darf.

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"Ich glaube nicht, dass Kunst dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass Negatives in unserer Gesellschaft passiert", sagt Tarek K.I.Z. Foto: © Gerngross Glowinski

Mit gefesselten Händen wird Tarek K.I.Z durch den Gang geführt. Eine grölende, glatzköpfige Masse spuckt ihn an, reckt die Fäuste. Im Hinterzimmer erwartet ihn eine Gruppe Anzugträger*innen – die führenden AfD-Politiker*innen wie Alice Weidel oder Alexander Gauland verdammt ähnlich sehen.

Natürlich kann sich Tarek K.I.Z von den Fesseln befreien und praktischerweise liegen in dem Raum Schusswaffen, Schwerter und Äxte herum. In feinster Slasher-Manier werden nun Anzugträger*innen enthauptet und Mägen aufgeschitten, dass die Gedärme herausfallen. Was klingt wie der neueste Quentin-Tarantino-Film, ist das Video zur dritten Single des Rappers Tarek K.I.Z – Nach wie vor.

Tarek Ebéné, wie der Musiker mit bürgerlichem Namen heißt, kannte man bislang nur als Mitglied des Rap-Ensembles K.I.Z. Am 31. Januar erschien sein erstes Soloalbum Golem.

Das Video zu Nach wie vor löste eine Menge Emotionen aus. Über 25.000 Menschen kommentierten es auf YouTube. Die einen feiern die künstlerische Überspitzung, für die schon K.I.Z bekannt wurde. Andere werfen dem Künstler vor, mit Provokationen wie dieser Schuld am Erfolg rechtspopulistischer bis extrem rechter Parteien zu sein.

Wir haben uns mit Tarek K.I.Z in Kreuzberg getroffen – und mit ihm über künstlerische Freiheit, rechte Shitstorms und Rassismus gesprochen.

ze.tt: Tarek, der Song auf deinem Album, in dem Gewalt am plakativsten thematisiert wird, ist Wenn du stirbst. Du rappst zum Beispiel „Ich zerteile dich mit der Kreissäge / Lege dich im Supermarkt in die Fleischtheke“. Kann man mit solchen Zeilen auch zu weit gehen?

Tarek K.I.Z: Nein, das glaube ich nicht.

K.I.Z wurde dafür oft kritisiert. Zuletzt beispielsweise von der Bild-Zeitung nach dem Wir-sind-mehr-Konzert in Chemnitz für die Zeile „Ich ramm die Messerklinge in die Journalisten-Fresse“.

Ich glaube nicht, dass Kunst in irgendeiner Form dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass irgendetwas Negatives in unserer Gesellschaft passiert. Wo zieht man sonst die Grenze?

Was ist, wenn ein Rapper wie GZUZ von Gewalt rappt – und sie gleichzeitig im echten Leben gegenüber Frauen anwendet?

Ich kann mich nur wundern, warum dieser Vorfall Leute überrascht. Das ist ja ein realer Typ, wenn der davon rappt, dass er Drogen nimmt und verkauft, kauft man ihm das auch ab. Wieso dann nicht, wenn er davon redet, dass er Frauen schlägt? Das sollte trotzdem nicht dazu führen, dass die Kunstfreiheit in irgendeiner Form eingeschränkt wird.

Ich glaube nicht, dass Kunst dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass etwas Negatives in unserer Gesellschaft passiert.

Tarek K.I.Z

Unsere Gesellschaft ist voll mit Gewalt. Richtiger, echter Gewalt. Wenn ich meine Rentner-Nachbarn in Neukölln im Müll wühlen sehe, dann ist das Gewalt, das ist die Gewalt des Kapitalismus. Das ist viel schlimmer, als wenn irgendjemand irgendeine Scheiße rappt.

In deinem Video zu Nach wie vor ist zu sehen, wie du Personen umbringst, die AfD-Politiker*innen nachempfunden sind. Erstmal: Warum gerade dieses Video zu diesem Song? Der Song ist eigentlich nicht politisch.

Ich wollte ein cooles Video haben. Und vor allem: Ich hab damit die richtigen Leute provoziert, die dann ihr wahres Gesicht gezeigt haben.

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Ist es okay, in einem Musikvideo AfD-Politiker*innen zu töten?

Ob das okay ist oder nicht, ist mir völlig egal. Ich scheiße auf diese Leute. Deren Parteiprogramm ist es, auf den Schwächsten der Schwachen rumzuhacken. Das mündet darin, dass Rechte sich trauen, auf die Straße zu gehen und Frauen mit Kopftuch anzuspucken. Oder Schlimmeres. Das ist reale Gewalt. Mein Trash-Tarantino-Musikvideo ist vollkommen harmlos gegenüber dem, was diese Menschen gesellschaftlich auslösen.

Wenn ich meine Rentner-Nachbarn in Neukölln im Müll wühlen sehe, dann ist das Gewalt, das ist die Gewalt des Kapitalismus.

Tarek K.I.Z

Hast du das Feedback erwartet?

Natürlich habe ich das erwartet, wir hatten genau das Gleiche nach dem Wir-sind-mehr-Konzert in Chemnitz. Es gab einen gewissen Aufschrei, aber das war in erster Linie Selbstbestätigung in der rechten Szene. Die haben sich dadurch in ihrem Opfermythos bestätigt, à la „Wir werden in unserem eigenen Land unterdrückt.“ (lacht)

Das erzählen die sich alle gegenseitig, dann schreiben die unter mein Video Sätze wie „Du Affe, ich schieß dir in den Kopf“, oder „Du Bimbo, ich werde deine ganze Familie lynchen“. Das ist offenbar auch Meinungsfreiheit, das können die ja ohne Konsequenzen schreiben. Dann sind wir quitt.

Eine Reaktion auf das Nach-wie-vor-Video war: „Wegen Typen wie dir wähl ich die AfD.“ Wie fühlst du dich dabei?

Mir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen, ist ein billiger psychologischer Trick, auf den ich nicht reagiere.

In dem Song Bang Bang rappst du die Zeile: „Der Bulle will, dass ich rechts ranfahr’ / Denn gestern fielen Schüsse auf den Kanzler“. Das ist keine plumpe Gewaltdarstellung, sondern du sprichst auch Racial Profiling an. Welche Erfahrungen hast du damit in Deutschland gemacht?

Das ist eigentlich witzig, dass du das darin siehst. Weil der Polizist in dem Moment sogar Recht hat, ich habe auf den Kanzler geschossen. Aber mich rauszuziehen ist trotzdem rassistisch, warum gerade ich? Na gut, ich war’s, aber warum werde ich kontrolliert? (lacht)

Du rappst auf Bang Bang auch von deinem “Heimatplaneten”. Kannst du diese Metapher erklären?

Ich finde es lustig, wenn man gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen künstlerisch überspitzt darstellt. Deswegen tu ich manchmal so, als wär ich außerirdisch. Das kommt gar nicht aus einer Verletztheit heraus. Ich will einfach darüber lachen können. Es ist ja auch lächerlich. Über bittere Themen zu lachen, war schon immer meine Strategie.

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Was denkst du über Rapper wie Megaloh, die Rassismus und Postkolonialismus ständig in ihren Songs verarbeiten?

Ich finde das großartig. Megaloh und BSMG, das sind Pioniere. Es gibt zwar sehr viele Afrodeutsche, aber kaum eine Lobby in Deutschland. Liest man sich die Kommentare unter deren Musikvideos durch, merkt man, dass es gar kein Verständnis für dieses Thema gibt.

Gab es einen Punkt, an dem du überlegt hast, Themen wie Rassismus in deinem Soloalbum ernster anzusprechen als im Rahmen von K.I.Z?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Auf Nubischer Prinz drehe ich beispielsweise die Exotisierung um und rede darüber, dass ich durch meine Wüste reite und weiße Frauen einsammle, die einen Pelz von Calvin Klein tragen. Das ist meine Art, mich diesen Themen zu nähern: durch eine witzige Übersteigerung. Ich finde das ansprechender als den Zeigefinger zu erheben. Ich möchte harte Themen funky verpacken.

Es gibt zwar sehr viele Afrodeutsche, aber kaum eine Lobby in Deutschland.

Tarek K.I.Z

In dem Song Letzte Chance vermischen sich persönliche Erfahrungen von häuslicher Gewalt mit fremden Beobachtungen. Warum hast du dich für diesen Erzählstil entschieden?

Häusliche Gewalt ist natürlich ein riesiges Thema. Um das ein bisschen mehr zu fokussieren, habe ich den klassischen Kreislauf dargestellt. Also: Man kriegt das als Kind mit und wird später irgendwann selbst zum Täter. Das ist nicht eins zu eins meine Geschichte, aber meine Erfahrungen fließen mit ein. Das ist auch eine Art Selbstschutz, um eine gewisse Distanz zu wahren. Ich weiß trotzdem bei allen Songs und Themen auf dem Album, wovon ich rede.

Wie kann man sich vor diesem Kreislauf schützen?

Ich glaube, es geht beim Erwachsenwerden darum, nicht zum Stein zu werden. Du willst kein hartgekochtes Ei sein. Deswegen wundert es mich, wenn Leute sagen, auf dem Album würde ich Schwächen offenbaren. Weil ich es als Stärke empfinde, wenn man offen über Persönliches reden kann. Ich habe sehr lange versucht, mich und meine Gefühle zu betäuben, auch mit Drogen und Alkohol. Dass ich jetzt mehr zu mir finde, ist meine stärkste Entwicklung. Es geht im Leben immer vorrangig um Liebe. Du musst dich selbst und die Menschen um dich herum lieben können. Das ist der Weg, um nicht zu einem Arschloch zu werden, auch wenn du jung traumatisiert wurdest.

Auf dem letzten Song geht es um den Tod deines Vaters. Was hat dich ermutigt, hier die künstlerische Distanz aufzuheben und so viel Persönliches preiszugeben?

Da geht es um meine Beziehung zu dem Mensch, der lange Zeit der Wichtigste in meinem Leben war. Als mein Vater gestorben ist, hat das sich angefühlt, als hätte mir jemand was geraubt. Er ist mit 47 Jahren gestorben, das ist sehr jung. Ich war extrem wütend und wusste gar nicht, worauf ich überhaupt wütend sein soll.

Man kann nicht mal sagen, ich würde mich damit angreifbar machen, wer will mich schon für diesen Song angreifen? Ich habe dieses Album hauptsächlich wegen meines Vaters gemacht. Sein Tod war einer der schwersten Schicksalsschläge, die ich je erlebt habe. Es gibt Themen, die müssen einfach raus. Ich finde es entwaffnend, wenn man so einen offenen und ehrlichen Track macht. Ich hatte keine Bedenken, zu viel Persönliches zu offenbaren.