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Neoliberaler Kapitalismus macht einsam

Wer sich isoliert fühlt, ist anfälliger für Verhalten, das diese Leere füllt. Einsamkeit hat nicht nur Folgen für jede*n Einzelne*n, sondern für unsere gesamte Gesellschaft.

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Neoliberaler Kapitalismus macht einsam. Foto: Xavi Cabrera / Unsplash | CC0

Klick. Der Handyscreen leuchtet, aber er ist leer; null neue Nachrichten. Klick. Kurz die runtergesetzten Sneakers in den Warenkorb legen. Im Hintergrund murmelt Netflix, ungehört. Klick. Noch immer immer keine einzige Nachricht. Zurück zum Onlineshopping.

Dass das zehnte Paar Turnschuhe weder gut für den Planeten ist noch nachhaltig glücklich macht, sollte sich herumgesprochen haben. Und trotzdem … Wer einsam – also unfreiwillig allein – ist, konsumiert tendenziell mehr. So werden wenigstens kurzzeitig ein paar Glückshormone ausgeschüttet.

Langfristig jedoch freut sich im Grunde nur das Bruttosozialprodukt.

Die innere Leere und Ohnmacht, die einsame Menschen fühlen, führt nicht nur zu vermehrtem Konsum – vorausgesetzt, dass sie ihn sich überhaupt leisten können. Weil Zugehörigkeit so ein existenzielles Grundbedürfnis ist, suchen sozial Isolierte Anschluss und Gemeinschaft; dadurch können sie sich auf Dauer frustriert, ausgegrenzt und abgehängt fühlen. Genau das kann radikalen Strömungen und Gruppierungen nützen.

Und deshalb hat das Thema Einsamkeit neben der persönlichen und gesundheitlichen auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Es geht uns alle an.

Neoliberaler Kapitalismus macht einsam

Der belgische Psychoanalytiker Professor Paul Verhaeghe hat sich in seinem Buch Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft unter anderem eingehend mit den Auswirkungen sozialer Veränderungen auf Menschen und ihre Identität beschäftigt. Einsamkeit ist dabei ein zentraler Aspekt; ein weiterer ist Neoliberalismus.

Laut Professor Verhaeghe hat der Mensch zwei identitätsformende Grundbedürfnisse: das Verlangen nach Zugehörigkeit und das Verlangen nach Autonomie. Beide müssten im Gleichgewicht gehalten werden.

Wenn sich nun ein wachsender Teil der Gesellschaft einsam fühlt, ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht mehr ausreichend gestillt. Das beeinträchtigt auch die Identität: Wer bin ich, wenn mich niemand liebt?

Hinzu kommt, dass unser neoliberales Wirtschaftssystem von Individualismus und Wettbewerb geprägt ist – jede*r gegen jede*n und oft genug auch gegen sich selbst. Stichworte: Ich-AG und Selbstoptimierung. „Dem anderen darf ich nicht vertrauen, also muss ich Abstand halten. So eine Ideologie erzeugt Egoismus und soziale Ängste und dadurch auch Einsamkeit“, sagt Professor Verhaeghe.

Knallharte Konkurrenz statt Gemeinschaft; der Markt regelt das schon. Oder etwa nicht?

Dabei tragen wir laut Verhaeghe, wie alle höheren Primaten, gleichermaßen die Anlagen für freundlich-selbstloses wie auch für aggressiv-egoistisches Verhalten in uns – die Prägung durch das Umfeld entscheide, welche Seite in unserem tatsächlichen Verhalten stärker zum Ausdruck komme.

Wir müssen also gar nicht alle permanent gegeneinander antreten und uns und alles um uns herum messen und bewerten. Wir tun es laut Professor Verhaeghe, weil unsere derzeitige Kultur es so vorgibt.

Mit anderen Worten: Der neoliberale Kapitalismus trägt zur Einsamkeit bei. Und er ist überall: Wirtschaft, Alltag, Schule, Universitäten, Arbeit, Gesundheitswesen, Wissenschaft. Dabei gerät laut Verhaeghe etwas Essenzielles in Vergessenheit: Das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Liebe, Zugehörigkeit und Nähe.

Einsamkeit, Kapitalismus und Konsum

Zum einen hat sich unsere Arbeitswelt massiv verändert und befindet sich auch weiterhin im Wandel. Arbeitsverträge sind häufig befristet – und wer dauerhaft in einem instabilen Beschäftigungsverhältnis steht, ist unsicher und lässt sich leichter unter Druck setzen. In vielen Jobs wird auch örtliche Flexibilität vorausgesetzt. Arbeitszeiten werden zudem länger, weil die Arbeit sich verdichtet; weniger Menschen müssen – oft auf Grund von Einsparungen und Kürzungen zugunsten des Unternehmensergebnisses – die gleiche Arbeit schaffen. Und die Digitalisierung ermöglicht einer wachsenden Minderheit das Arbeiten von zu Hause oder woanders aus.

All das ist in einem auf Profit ausgerichteten Wirtschaftssystem begründet. Und bedeutet: weniger Kontakt zu Kolleg*innen oder Freund*innen, häufigere Job- und Ortswechsel. Das wiederum führt zu weniger festen sozialen Bindungen – der Boden, auf dem Einsamkeit gedeiht. Denn diese Art der Entwurzelung erstreckt sich logischerweise auch auf das gesamte Leben, nicht nur den Job.

Der Kapitalismus mag einsame Menschen: Sie sind gut fürs Bruttosozialprodukt.

Doch der Kapitalismus mag einsame Menschen: Sie sind gut fürs Bruttosozialprodukt, zahlen mehr Steuern und anteilig mehr Miete, weil Einpersonenwohnungen nun mal teurer sind. Vor allem jedoch konsumieren sie mehr, um den inneren Schmerz, verursacht durch einen Mangel an Zugehörigkeit, zu lindern. „Unsere gegenwärtige Konsumkultur will uns davon überzeugen, dass es immer eine Antwort gibt, die man kaufen kann. Das ist jedoch einfach nicht wahr“, stellt Professor Verhaeghe klar. Er nennt dieses Verhalten den „depressiven Hedonismus“, von dem vor allem globale Konzerne und Banken profitieren würden.

Insofern gewinnt das neoliberale, kapitalistische System unserer westlichen Gesellschaften durch Einsamkeit. Und hat deshalb im Grunde ein gering ausgeprägtes Interesse, daran etwas zu ändern. So viel zu: „Der Markt regelt das“.

Neoliberaler Kapitalismus hält auch nicht viel von einem Staat, der sich engagiert und seine benachteiligten Bürger*innen mit einem stabilen sozialen Netz schützt. Wer es nicht aus eigener Kraft aus jedweder Art des Elends schafft, hat Pech gehabt – ist halt das Überleben der*des Stärkeren. Doch diese Geisteshaltung weist nicht nur ein paar eklatante Denkfehler auf – unter anderem, weil eben nicht alle die gleichen Voraussetzungen und Chancen haben –, sie kann auch politische Stabilität untergraben.

Einsamkeit, Seelenschmerz und politischer Frust

Einsame Menschen fühlen sich irgendwann entfremdet und isoliert; sie sind zudem oft nicht in der Lage, sich durch eigene Kraft aus der Einsamkeit zu befreien und ihre Situation zu verändern. Das hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht, Hilf- und Aussichtslosigkeit. Und Frust. Der ist besonders stark, wenn in einer Gesellschaft große Ungleichheit herrscht.

Desorientierte Mitglieder neoliberaler Gesellschaften suchen unter Umständen anderweitig nach Identität und Zugehörigkeit, zum Beispiel auch in nationalistischen, fundamentalistischen oder reaktionären Ideen.

Paul Verhaeghe, Psychoanalytiker

In der Folge sind einsame Menschen eher anfällig für radikale politische Positionen und Parteien. Oder, wie Professor Verhaeghe schreibt: Desorientierte Mitglieder neoliberaler Gesellschaften suchen unter Umständen anderweitig nach Identität und Zugehörigkeit, zum Beispiel auch in nationalistischen, fundamentalistischen oder reaktionären Ideen.

Faschistische Parteien und Gruppierungen suggerieren ihren Anhänger*innen zum Beispiel ein Gemeinschaftsgefühl, das sich explizit aus der Abgrenzung gegen „die anderen“ speist, das Frust- und Ohnmachtsgefühle auffängt und kanalisiert. Ein trügerischer Trost, der auch gesamtgesellschaftlich gefährlich werden kann.

Denn Einsamkeit ist, wie schon Hannah Arendt 1955 in ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schrieb, ein hervorragender Nährboden für Radikalisierung und ein wichtiger Bestandteil totalitärer Systeme: „Was Menschen für totalitäre Herrschaft in einer nicht-totalitären Welt anfällig macht, ist die Tatsache, dass Einsamkeit […] eine alltägliche Erfahrung geworden ist […].“ Ohne Isolation könnten derartig radikale Regierungssysteme demnach nicht existieren.

Dazu kommt: Je isolierter und einsamer Menschen sind, je weniger Wurzeln und je weniger Kontakt mit anderen sie haben, desto weniger Mitgefühl und Verständnis haben sie, desto weniger können sie sich in schlechter Gestellte hineinversetzen. Vor allem ungleiche Gesellschaften produzieren eine größere soziale Distanz zwischen einzelnen Menschen. Und Angst. Einsamkeit kann gleichgültig, gemein und hart machen.

Demokratie hingegen lebt davon, dass unterschiedliche Menschen sich begegnen, austauschen, einander zuhören, sich verstehen und zusammenarbeiten, um gemeinsam Kompromisse zum Wohl der Gesellschaft zu erarbeiten. Insofern kann Einsamkeit durchaus als demokratieschwächend betrachtet werden. Und das ist nun wirklich keine gute Sache.

Eine Patentlösung hat auch Professor Verhaeghe nicht; seiner Ansicht nach wäre es jedoch ein entscheidender Schritt, sich gedanklich von der vermeintlichen Alternativlosigkeit des derzeitigen Systems zu befreien. Eine bessere, andere Welt ist möglich. Und Einsamkeit zu bekämpfen könnte ihr Anfang sein.


Hier lest ihr Teil 1: Warum wir uns alle einsam fühlen
Hier lest ihr Teil 2: Wir haben verlernt, füreinander da zu sein
Hier lest ihr Teil 3: Wenn Einsamkeit krank macht

In der nächsten und letzten Folge unserer Einsamkeits-Serie geht es um mögliche Lösung-Ansätze – von Einsamkeits-Minister*innen über Freiwilligendienst bis hin zu Robotern.

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