Warum es toll ist, einen Hund im Büro zu haben

Unsere Autorin nimmt ihren Hund täglich mit zur Arbeit. Auch wenn es Gründe gibt, die dagegen sprechen, ist sie überzeugt: Die positiven Aspekte überwiegen. Ein Plädoyer zum internationalen Bürohundetag

Arbeitet ihr nur mal.

Arbeitet ihr nur mal. © Uwe Anspach, dpa

Wie eine Flunder liegt die Bulldogge auf dem Boden des Fahrstuhls, streckt alle Viere von sich, das Maul hechelnd zu einem breiten Grinsen verzogen. Ich schaue meinen Hund an und muss schmunzeln. „Irgendwas zwischen Kröte und Stitch“, denke ich mir und freue mich über dieses friedlich grunzende Wesen, das sich gerade mit mir auf dem Weg in die Redaktion befindet.

Office
Die Autorin mit ihrer Bulldogge Jimmy © Lena Vanessa Müssig

Diese ist in einem futuristisch anmutenden Glaskomplex untergebracht, in dem täglich mehrere tausend Menschen ihrer Arbeit nachgehen – in zahlreichen Großraumbüros mit grauem Teppichboden, kaltem Licht und grauen Einheitsmöbeln. Bonjour Tristesse.

Zurück zum Fahrstuhl: erster Stock, vier angestrengt diskutierende Herren in grauen Anzügen steigen ein, sie wirken bitter und gestresst. Sofort muss ich an die grauen Herren aus Michael Endes Roman Momo denken: die Mitarbeiter der Zeitsparkasse, die den Menschen die Zeit stehlen sollen und wie emotionslose Roboter ihren Auftrag erfüllen.

[Außerdem auf ze.tt: Bürohunde? Wir wollen Bürokatzen!]

Meine Bulldogge liegt noch immer grinsend auf dem Boden, hat sich keinen Zentimeter vom Platz wegbewegt und zwingt die grauen Herren so, sich ringsherum um ihn zu stellen. Alle Blicke sind nun auf die schwarz-weiße Kröte gerichtet, die Herren haben ihre Diskussion unterbrochen und blicken ernst auf dieses merkwürdige Wesen, dass da so ungeniert auf dem Boden liegt. Ein tiefer und zufriedener Grunzton erfüllt den Fahrstuhl.

Plötzlich regt sich etwas in den Gesichtern der grauen Herren, sie schauen sich an, schauen mich an, schauen den grinsenden Hund an und beginnen plötzlich lauthals zu lachen. „Toll, dass Sie Ihren Hund mit zur Arbeit bringen können. Einen schönen Tag noch, ihr beiden“, freut sich einer der Anzugmänner und verlässt mit seinen ebenfalls freudig lächelnden Kollegen den Fahrstuhl. Die Anspannung, die noch vor wenigen Sekunden deutlich zu spüren war, ist verflogen. Einfach nur weil ein Hund flach auf dem Boden liegt, grinst und grunzt.

So kam der Hund ins Büro

Hund Lena
Jimmy, die Bulldogge © Lena Vanessa Müssig

Dass ich Jimmy, so heißt die Kröte eigentlich, mit zur Arbeit bringen darf, finde ich in der Tat großartig. Als ich vor ein paar Jahren vom damaligen Chef gefragt wurde, ob ich nicht öfter kommen könnte, war für mich klar: nicht ohne meinen Hund. Und weil in einem Großraumbüro, das durch den Flur mit vielen weiteren Großraumbüros verbunden ist, das Leben nicht immer super entspannt ist (Hallo, Frischluft versus Heizungs-Debatte), wurden sämtliche Mitarbeiter*innen auf dem Flur nach möglichen Einwänden befragt.

Lediglich eine Kollegin, die Angst vor Hunden hat, äußerte zunächst leichte Bedenken. Aber sie gab meinem Hund eine Chance und ihre Angst vor ihm löste sich schnell in Luft auf. Meistens liegt er ohnehin in seinem Körbchen unter meinem Schreibtisch, sucht verzweifelt nach Krümeln auf dem Boden oder tigert gemächlich den Flur entlang – es könnte ja sein, dass sich jemand zum Spielen oder ein edler Futterspender findet. „Jimmy liegt auf dem Flur“, höre ich oft, wenn ich ihn mal wieder suche. Eine Kollegin beflügelt der Hund sogar zu Reimen wie „Oh Kröterich, oh Kröterich, was wär‘ die Welt nur ohne dich“.

Jimmy liegt auf dem Flur.“ – Kolleg*innen zu Lena, wenn sie ihren Hund sucht

Dank des Hundes kenne ich fast alle Kolleg*innen dieser weitläufigen Großraumbüro-Wüste. Wer auf Smalltalk mit Fremden keine Lust hat, sollte sich übrigens generell besser keinen Hund zulegen, denn am täglichen Plausch kommt ein*e Hundebesitzer*in nur schwer vorbei. Ich persönlich finde es schön, in so einem anonymen Umfeld und einer nicht minder anonymen Großstadt mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Dass die meisten nur den Namen meines Hundes kennen, nehme ich nicht persönlich. Auch nicht, wenn ich mal alleine durch das Haus laufe und man mich geradezu vorwurfsvoll fragt, wo ich denn Jimmy gelassen habe.

Stress lass nach

Eine*n Hundesitter*in brauche ich heute nicht mehr und in der Pause bekomme ich ausreichend Bewegung, was angesichts des starren Verharrens vor dem Rechner eine willkommene Abwechslung für meinen Rücken darstellt. Doch nicht nur mein Leben ist durch die demokratisch auf dem Büroflur abgestimmte Bürohund-Erlaubnis um ein Vielfaches stressfreier geworden, auch viele Kolleg*innen freuen sich über den Vierbeiner im Büro.

Ähnliche Situationen wie die im Fahrstuhl erleben wir regelmäßig. Menschen bleiben stehen und freuen sich über den grinsenden Hund mit den großen Fledermausohren, machen Fotos von oder mit ihm, kommen extra mit ihren Kindern in mein Büro, damit sie Jimmy mal kennenlernen. „Der lacht so lustig“, heißt es dann oft. Zuweilen rennt ein eigentlich furchtbar ernst aussehender Anzugmensch auch mal lachend und klatschend mit dem Bully über den Flur, ein hohes Tier im Haus traf ich auch schon auf dem Boden liegend an – neben meinem Hund, Selfies schießend.

Ja, es gibt Argumente gegen den Bürohund

Sicherlich gibt es auch Mitarbeiter*innen, die Hunde nicht mögen und lieber einen Bogen um uns machen. Gute Gründe, warum ein Hund so gesehen nichts im Büro verloren hat, gibt es ja auch zur Genüge. Sie riechen, sie haaren, zuweilen bellen sie oder – je nach Rasse – grunzen und schnarchen sie. Auch leidenschaftliches Erbrechen gehört zu ihrem Repertoire. Auch mein Hund hat all das bereits knallhart durchgezogen. Und trotzdem überwiegt beim Gros die Freude über den Hund im Büro.

Hunde und Psyche

Doch warum werden erwachsene Menschen plötzlich wieder zu Kindern, vergessen den Stress des stundenlangen Meetings, lächeln losgelöst und vergessen kurzzeitig alles um sich herum, nur weil da ein Hund im Büro ist, der gestreichelt oder bespaßt werden will? Psychologin Simone Schriefer kennt dieses Phänomen. In ihrer Kölner Praxis für Psychologische Psychotherapie wird sie von Therapiehund Oskar unterstützt.

[Außerdem auf ze.tt: Niemand kann besser faulenzen als Hunde]

„Wenn es ein Geheimnis gibt, dann vielleicht das völlig wertfreie Kommunizieren des Hundes, was die meisten Menschen als sehr angenehm empfinden, da es sich enorm von der zwischenmenschlichen Kommunikation, in der meistens viele Wertungen enthalten sind, unterscheidet“, erklärt sie. Zudem hätten Hunde und Mensch ähnliche soziale Bedürfnisse und auch Strukturen, die die Kommunikation auch ohne Worte möglich mache. Therapiehund Oskar spüre bereits vor einer verbalen Interaktion, wie es einer Person geht.

Im Hier und Jetzt sein

Dass ein Hund Sorgen und Stress aus dem Kopf verbannen kann, könnte damit zusammenhängen, dass Hunde nur reagieren, wenn man wirklich bei der Sache ist. „Es ist die Achtsamkeit im Umgang mit dem Hund, das Sein im Hier und Jetzt, was uns guttut.“ Auch Oskar reagiere nur auf klare Signale.

„Man muss schon sehr gut bei ihm sein, in gutem Kontakt mit ihm, dann macht es Spaß. Ich glaube, dieses Fokussieren auf die Interaktion mit einem anderen Wesen und nicht gleichzeitig über anderes nachdenken können, tut uns gut“, erklärt sie. So könne ein Bürohund dazu beitragen, Stresssituationen als weniger belastend zu empfinden, sie kurzzeitig sogar zu vergessen.

Kuschelhormone dank Kuscheleinheiten

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Work, work, work © Lena Vanessa Müssig

Wissenschaftlich belegt wurde die stressmindernde und leistungsfördernde Wirkung von Hunden im Büro bereits im Jahr 2012 durch Professor Randolph T. Barker von der Virginia Commonwealth University. Dafür teilte Barker 75 Mitarbeiter*innen eines Unternehmens in drei Gruppen auf: Hundebesitzer*innen, die ihre Hunde mitbrachten, Mitarbeiter*innen, deren Hunde zu Hause blieben und Mitarbeiter*innen, die kein Haustier besitzen.

Eine Woche lang wurde täglich mehrmals der Spiegel des Stresshormons Kortisol im Blut der Studienteilnehmer*innen gemessen. Zudem wurden sie zur Arbeitssituation und zum persönlichen Stressempfinden befragt. Die Untersuchungen brachten Verblüffendes an den Tag. Während der Kortisolspiegel aller Proband*innen sich bei den ersten Messungen des Tages nicht gravierend unterschied, stieg der Pegel bei den Mitarbeiter*innen ohne Hund im Laufe des Tages deutlich an. Bei denjenigen, die mit ihrem Hund zur Arbeit kamen, konnte kein Anstieg des Stresshormons im Blut gemessen werden. Zudem gaben Proband*innen mit Hund an, sich produktiver zu fühlen.

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2015 wurden Barkers Forschungsergebnisse untermauert. Im Magazin Science erschien eine Studie der japanischen Forscherin Miho Nagasawa. Ihren Untersuchungen zufolge steigt die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin bei enger Interaktion von Mensch und Hund. Blickkontakt und Streicheln regen messbar die Ausschüttung von Oxytocin an, das wiederum den Blutdruck und auch den Kortisolspiegel senkt.

Auch bei Hunden, die eine halbe Stunde lang gestreichelt, angeschaut und beachtet wurden, konnte ein höherer Oxytocin-Pegel nachgewiesen werden. Genau dieses Hormon spielt übrigens auch in der Mutter-Kind-Beziehung eine wichtige Rolle. Das Hormon stärkt die Verbindung zwischen Mutter und Kind.

Ein Hund, dieser neue Kollege

Wer das Experiment Hund im Büro wagen möchte, hat somit gute Argumente. Wie wäre es mit einem Probetag, an dem sich Hund und Kolleg*innen einfach mal unvoreingenommen beschnüffeln? Ich kann es nur empfehlen. Jedenfalls, wenn man Chef*in gerne mal auf dem Boden neben dem Hund liegend beim Selfie knipsen antreffen möchte oder den grauen Herren ein Lächeln ins Gesicht zaubern will. Psychologin Simone Schriefers Antwort auf die Frage, ob sie einen Hund im Büro befürwortet, fällt kurz und knapp aus: „Eindeutig ja!“