Warum wir im Alltag so wenig gegen den Klimawandel tun

Und dann kaufen wir doch wieder Coffee to Go und in Plastik verpacktes Gemüse. Im Interview erklärt der Umweltpsychologe Gerhard Reese, welche Mechanismen dahinterstecken.

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Wir brauchen eine Alternative zum aktuellen Turbo-Kapitalismus. Foto: Sorin Gheorghita / Unsplash | CC0

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Um die Umwelt zu schützen, müssen wir mit unseren Routinen brechen, sagt Gerhard Reese. Foto: Philipp Sittinger

Wann und warum Menschen sich umweltbewusst verhalten, erklärt Prof. Dr. Gerhard Reese sonst in Vorlesungen seinen Studierenden. Er leitet den Studiengang Mensch und Umwelt: Psychologie, Kommunikation, Ökonomie an der Universität Koblenz-Landau. Auf der Homepage der Uni haben einige der Dozent*innen ihren Climate CV veröffentlicht, in dem sie angeben, welchen Impact ihr berufliches Reiseverhalten hat und was sie selbst für das Klima tun. Bei Gerhard Reese steht: Er ist 2017 das letzte Mal beruflich geflogen, hat zu Hause Ökostrom und besitzt kein Auto.

ze.tt: Wie kommt es, dass unser Handeln manchmal so gar nicht mit unseren Überzeugungen übereinstimmt? Zuhause trennen wir unseren Müll und achten darauf, Strom zu sparen. Und dann nehmen wir doch wieder das Auto für eine kurze Strecke oder kaufen den Salat in der Plastikverpackung.

Gerhard Reese: Auf individueller Ebene sind das Routinen und eine gewisse Bequemlichkeit. Die zu durchbrechen, kostet Zeit und kognitiven Aufwand. Und wann haben wir das schon?

Wie kann man diese Routinen durchbrechen?

Man kann sich realistische Ziele setzen und Teilschritte überlegen. Ich kann mir zum Beispiel vornehmen, im Jahr nur noch halb so viele Kilometer mit dem Auto zu fahren. Dieses Ziel kann ich mir aufschreiben. Wenn ich dann noch meinen Freunden davon erzähle, dann habe ich eine gewisse „soziale Kontrolle“, die mich zusätzlich motiviert. Und dann kostet es natürlich auch einfach Zeit, und die muss man sich nehmen können.

Warum fällt uns das so schwer?

Wir befinden uns in einem auf Leistung und ökonomischem Erfolg basierenden Wirtschaftssystem. Alle, die in den letzten 50 Jahren geboren worden sind, sind mit dem Narrativ aufgewachsen, dass Wirtschaftswachstum etwas Gutes ist und wir durch Konsum glücklich werden. Und das ist natürlich ein Riesenproblem.

Mittlerweile wird dieses Narrativ immer mehr aufgebrochen.

Es gibt immer noch den Druck, ökonomisch erfolgreich zu sein und viel zu arbeiten. Hinzu kommen solche Dinge wie Zeitwohlstand. Es gibt einige Forscherinnen und Forscher, die argumentieren, dass unser Zeitproblem uns daran hindert, ökologisch zu agieren. Aber ich denke, es ist auch eine Frage der Prioritätensetzung. Wichtig ist, dass man eine Möglichkeit findet, eine Alternative zu diesem Turbo-Kapitalismus zu leben.

Das heißt, wir müssen uns einfach alle am Riemen reißen?

Wir brauchen auch Verhaltensalternativen. Ich glaube, ein großes Problem ist, dass es diese Verhaltensalternativen entweder nicht gibt oder sie zu kompliziert oder zu teuer sind.

Führt das dazu, dass wir denken: Ach, ist doch eh egal?

Das ist die Gefahr. In der Psychologie sprechen wir von Selbstwirksamkeit, also dem Gefühl, selber etwas verändern zu können. Es ist gar nicht so einfach, dieses Gefühl bei so etwas Großem und Abstraktem wie dem Klimawandel zu bekommen. Wenn ich alleine Vegetarier bin oder auf einen Flug verzichte, dann bringt das gefühlt überhaupt nichts. Wir müssen es also schaffen, das auf eine kollektive Ebene zu heben. Das Gefühl zu entwickeln, dass wir als Gruppe, als Nation, als gesamte Menschheit eben sehr wohl etwas ändern können.

Wie könnte das aussehen?

Die Fridays for Future-Bewegung ist ein perfektes Beispiel dafür. Man wird als Gruppe wahrgenommen und hat das Gefühl, dass es etwas bringt. Die Gruppe wird größer, man wird gehört.

Aber selbst dann bleiben die Auswirkungen unseres Handelns abstrakt.

Den Klimawandel können wir nicht persönlich beobachten. Da müssen wir uns auf wissenschaftliche Aussagen verlassen. Durch den ungewöhnlich warmen Sommer letztes Jahr haben viele Menschen in Deutschland das erste Mal überhaupt ein Gefühl dafür bekommen, was Klimawandel bedeuten könnte. Es ist zwar nicht sicher, ob das warme Wetter in diesem Sommer dem Klimawandel zuzuschreiben war. Aber alles deutet darauf hin, dass so etwas in Zukunft häufiger passieren wird.

Wovon hängt es noch ab, ob wir uns umweltbewusst verhalten?

Wir Menschen sind sehr soziale Wesen. Uns ist sehr wichtig, was die Menschen um uns herum – vor allem Peers und Freunde – so treiben. Dieser Einfluss sogenannter sozialer Normen kann dazu führen, dass wir Verhaltensweisen adaptieren. Das sieht man häufig beim Übergang zwischen Schule und Studium. Da werden zum Beispiel viele zum Vegetarier oder Veganer, weil sie in ein Umfeld kommen, in dem das sehr viel stärker sichtbar ist und gelebt wird.

Und wenn sie ihren ersten Job haben, verhalten sie sich wieder anders?

Ganz prinzipiell können soziale Normen in jede Richtung funktionieren.

Sind wir wirklich so leicht beeinflussbar?

Es gibt auch Dinge, die sind für uns nicht verhandelbar. Einen Vegetarier mit sehr starken persönlichen Normen wird es nicht beeinflussen, wenn am Arbeitsplatz alle anderen Fleisch essen. Genauso wird es Leute geben, die die starke persönliche Norm haben, dass sie auf das Auto angewiesen sind und ohne Auto nicht können. Denen wird es egal sein, wenn fünf ihrer Freunde sagen: „Wir brauchen kein Auto mehr.“ Das hängt vom individuellen, moralischen und normativen Gerüst ab.

Also können die Freunde mich nicht überzeugen, weniger Auto zu fahren?

Gesellschaftliche Normen spielen natürlich auch eine Rolle. Wenn wir uns mit einer Gruppe besonders stark identifizieren, und dann jemand die Normen, die in dieser Gruppe herrschen, verletzt, scheuen wir nicht davor zurück, das zu sanktionieren – und sei es nur verbal. Und wir mögen es wiederum gar nicht, wenn Leute schlecht über uns reden.

Die anderen sollen kein schlechtes Bild von uns haben.

Genau. In Schweden gibt es mittlerweile den Begriff Flugscham. Die Leute verkünden öffentlich, dass sie sich schämen, wenn sie fliegen müssen.

Manche Orte auf der Welt sind ohne Flugzeug schwer zu erreichen …

Da wären wir wieder bei den Verhaltensalternativen. Könnte man innereuropäisch zum Beispiel genauso gut mit dem Nachtzug reisen, dann gäbe es überhaupt keinen Grund, nach Barcelona zu fliegen, oder nach Edinburgh oder Stockholm. Das sind alles Sachen, die mit einer Zugreise über Nacht wunderbar erreichbar wären.

Ich selbst habe keinen Einfluss darauf, ob die Zugverbindung gut ist.

Dass wir unseren Lebensstil ändern, ist ein wichtiger Teil, aber das bedarf eben auch politischer Hilfe oder Rahmenbedingungen. Durch politische Entscheidungen können bestimmte Verhaltensweisen einfacher werden als andere.

Wie soll ich da als Einzelperson gegen ankommen? Wie schaffe ich es, dass mein Verhalten überhaupt einen Unterschied macht?

Ich glaube, was man in der Diskussion häufig aus dem Blick verliert, sind die Big Points. Es gibt Faktoren, die für den Klimaschutz deutlich wichtiger sind als andere. Natürlich macht es einen Unterschied, ob Strohhalme verboten werden. Aber die sind nun wirklich nicht das größte Problem. Big Points dagegen sind unter anderem: Wie wir unsere Wohnung heizen, das Fliegen, Autofahren und die Ernährung. Das sind die Sachen, auf die wir uns fokussieren müssen.

Ein Strohhalmverbot ist allerdings immerhin ein Anfang …

Man sollte natürlich alles versuchen. Aber danach sollte man sich nicht auf die Schulter klopfen und als nächstes mit dem Auto zum Bioladen fahren. Viele Leute haben das Gefühl, ein moralisches Konto zu haben, das mit guten Taten gefüllt ist. Und dann sagen sie: Ich bin jetzt seit zehn Jahren Veganer, da kann ich doch mal nach Hawaii fliegen. Aber wenn wir die durchschnittliche Erderwärmung bis 2050 auf zwei Grad begrenzen wollen, dürfte jeder Mensch auf der Erde jährlich nur ca. 2,3 Tonnen CO2-Ausstoß verursachen. Und in Deutschland verursachen wir im Schnitt bereits mehr als zehn Tonnen pro Person. Die Rechnung geht also leider nicht auf.