Wenn der Geist geht: So arbeitet eine Seelsorgerin mit Demenz-Kranken

Katharina arbeitet in einem Krankenhaus in Wien. Dort kümmert sie sich um Menschen mit Demenz, die oft nicht einmal mehr sprechen können.

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Demenz. Kein schönes Wort. Der Geist geht weg – so könnte man es sinngemäß übersetzen. Foto: Jorge Lopez / Unsplash | CC0

Wenn Katharina Schoene durch die breiten Gänge des Pflegewohnhauses im Süden Wiens geht, dann wird sie an allen Ecken lachend begrüßt. Von weitem winken ihr die Menschen zu, manche umarmen sie herzlich. Überall bleibt sie stehen, um zu plaudern, mal für ein paar Worte, mal für ein längeres Gespräch. Nicht ganz unschuldig an dem warmen Empfang ist Chivas. Chivas ist kein Whiskey, sondern Katharinas Hund – eine Art Therapiehund. Katharina ist Krankenhausseelsorgerin in Wien. Die Menschen, denen sie begegnet, haben Demenz. Für viele ist die gebürtige Leipzigerin um die 40, die letzte Person, die ihnen noch zum Reden geblieben ist. Viele können auch nicht mehr reden. Für sie ist Katharina die, die einfach da ist.

Krankenhausseelsorgerin. Das klingt nach einer, die die Menschen vor ihrem Tod noch schnell zu Gott bekehren will. Katharina winkt ab. Zunächst ginge es einfach darum, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen, den Menschen das Gefühl zu geben: „Ich sehe dich, ich interessiere mich für dich. Ich stelle dann oft Fragen, erspüre, was die Menschen brauchen und wo sie innerlich gerade unterwegs sind.“ Um Gott und spirituelle Fragen gehe es dann erst, wenn diese Beziehung entstanden sei. „Da kommt man dann peu á peu ans Eingemachte.“ Oder auch nicht: „Es gibt auch Menschen, die nur diesen losen Kontakt lieben oder sich freuen, mich zu sehen.“

Der Geist geht weg

Demenz. Kein schönes Wort. Der Geist geht weg – so könnte man es sinngemäß übersetzen. Für viele eine grauenhafte Vorstellung: Menschen, die sich zunehmend kaum mehr erinnern. Eine Demenz beginne oft schleichend, sagt Katharina: „Man sagt oft, die Oma benimmt sich anders, sie braucht so lang, um zum Supermarkt um die Ecke zu gehen. Oder: Wir können den Papa nirgends mehr hin mitnehmen, er stellt so komische Fragen.“ Die Menschen merkten selbst, dass mit ihnen etwas nicht mehr ganz stimme. Das mache sie reizbar: „Sie haben Angst, dass man sie aufdeckt, bloßstellt.

Sie merken, dass sie innerlich noch voll und heil sind, aber sie können nicht mehr so über die Brücke zu den Menschen gehen, wie ihnen das vor ein paar Jahren noch gelungen ist.“ In dieser frühen Phase spreche sie daher ganz selten Gefühle an, sagt Katharina. Sie sieht in der Demenz einen Schutzraum. „Den suchen sich die Menschen, weil sie vor der für sie unerträglichen und unverständlichen Realität flüchten. Die Seele sagt dann auch: Hey, du hast genug gesehen und gehört. Jetzt ist es Zeit für die Innenschau.“ Dort drinnen seien die Menschen noch ganz da, sagt Katharina, fühlen alles, sind heil.

In einem Aufenthaltsraum sitzen viele Frauen in Rollstühlen um einen Tisch. Sie reden kaum miteinander. Man kann sich nur vorstellen, was die Innenschau für sie bedeutet: Erinnerung an Geborgenheit. Erinnerung an ein langes Leben. Die Leute in dieser Welt zu besuchen, sei lehrreich und wunderbar, sagt Katharina und schließt kurz selbst die Augen. Diese Besuche seien es, warum sie ihren Job mache. Einmal habe sie immer wieder eine Frau besucht, lange mit ihr gesprochen, sie berührt, nonverbal auf verschiedenen Ebenen kommuniziert, aber keinerlei Rückmeldung bekommen. Doch dann, eines Tages, hätte die Frau sie angesehen und ganz leise gesagt: „Danke, dass Sie mich immer besucht haben.“ Katharina besuchte die Frau noch oft, aber bis zu ihrem Tod hörte sie von ihr kein Wort mehr.

Für die Angehörigen ist die Krankheit oft schwerer zu ertragen

Mit dem Tod hat sie immer zu tun. Mit Menschen, die sich das Leben nehmen wollen – oder es am Ende wirklich tun. Mit verzweifelten Angehörigen. Für die sei die Krankheit meist viel schwerer zu ertragen als für die Betroffenen selbst. Sie verlieren oft die Selbstkontrolle, werden zu ganz anderen Menschen, zu Fremden, sagt Katharina: „Jetzt fallen die Masken. Jetzt kommt das zutiefst Wesenhafte heraus, zum Beispiel die Aversion gegen den Schwiegersohn, wo sich die Schwiegermutter das ganze Leben zurückgehalten hat. Die Menschen sind jetzt ganz pur. Sie zeigen sich. Pure Menschen sind anstrengend, ungeschönt. Das ist toll.“ Bei Begräbnissen habe sie dann oft das Gefühl, die Angehörigen hätten sich schon früher von ihrer Mutter, ihrem Vater, ihren Großeltern verabschiedet – „auf eine gesunde Art und Weise“.

Die Gänge sind hell in dem Wiener Pflegehaus, in dem Katharina arbeitet. Seelsorge macht sie nicht nur hier, aber dieses ist ihr Herzenshaus, wie sie verrät. Viele Fenster sind auf einen Park mit Schloss ausgerichtet. Das Haus liegt ganz am Stadtrand, es ist ruhig, man kann die Vögel hören. Und doch: Es riecht steril, nach Krankenhaus eben. Daran müssen sich die Menschen, die neu hierherkommen, erst gewöhnen. Gerade für Menschen mit Demenz ist das oft sehr schwer. Ein älterer Herr bricht in Tränen aus, als er von seiner alten Wohnung erzählt. Dreißig Jahre habe er darin gelebt. Dann, schweren Herzens, der Umzug. Weg von allem, was über so viele Jahre vertraut und alltäglich war.

Hier kommt Katharina zum Einsatz: „Die Menschen werden ja aus ihrem normalen Umfeld herausgerissen, kommen in ein Haus, wo sie sich überhaupt nicht auskennen, wo sie keine Andockmöglichkeit haben, weil auch nichts so vertraut riecht oder schmeckt oder aussieht. Da fallen sie oft in ein Loch, und das kann auch zu einer Verstärkung der demenziellen Symptome führen“, erklärt sie. Meist sei es ein sogenannter Break, der den Umzug ins Heim notwendig mache. Oft sei das ein Sturz. Im Krankenhaus werde dann entschieden, ob eine Unterbringung in einer Einrichtung empfehlenswert sei.

Die Sehnsucht nach einem Nachhause

Für viele lässt dieser Umzug die Welt zusammenbrechen. Ein ganz großes Thema in Katharinas Gesprächen sei daher das Nachhausegehen. Im übertragenen und wörtlichen Sinne. „Das ist die Sehnsucht nach einem inneren Ort, wo alles heil ist. Das ist oft das Zuhause, das die Menschen in ihrer Kindheit hatten. Aber sie suchen eigentlich nur einen inneren Ort, wo sie sich sicher und geborgen fühlen, und den finden sie in der gegenwärtigen Welt nicht mehr. Das greife ich auf. Manchmal deuten wir es dann gemeinsam und bringen es in einen höheren Zusammenhang.“

Da kommt dann doch die Religion ins Spiel. Katharina hat evangelische Theologie studiert, ist Diakonin. Sie feiert Gottesdienste mit den Menschen mit Demenz. Diese Gottesdienste seien sehr herzbestimmt und besonders, sagt sie. Kommen muss niemand, und wer kommen will, muss nicht evangelisch sein. Bei diesen Gottesdiensten gehe es viel um Sinne, den Einsatz von Farben, Düften und Berührungen. Und das Vertraute und Haltgebende sei besonders wichtig: Immer die gleichen Lieder zu Beginn, immer die gleichen Personen. „So wird es möglich, die Menschen zu erreichen – und sei es nur für ein paar wenige Sekunden.“ Wenn sie spüre, wie für einen Moment eine Begegnung zustande komme, sei das ein großes Geschenk – auch für sie.

Wichtig in der Begegnung ist auch Katharinas Hund Chivas. „Kein Gottesdienst kann beginnen, wenn Chivas nicht da ist. Er wartet immer an der Tür, bis alle drin sind und ihren Platz gefunden haben, dann begrüßt er jeden, und wenn alles okay ist, legt er sich unter den Altar. Dann können wir anfangen.“

Hund Chivas ist eine Stütze – für die Menschen mit Demenz und auch für Katharina

Den neunjährigen Cockerspaniel kennt hier jede*r. Trotzdem braucht er einen Ausweis, wenn er mit hinauf in die Stationen will. Vorschrift ist Vorschrift. Für Katharina, die gerade auch die Ausbildung zur Psychotherapeutin in Supervision macht, ist der Hund ein wichtiges Mittel: „Ich nehme ihn mit, weil es den Menschen so eine Freude macht. Er redet auch mit den Leuten. Kürzlich dachte ich mal, er ist weg, aber er saß die ganze Zeit bei einer alten Frau mit Rollator.“

Auch für sie selbst ist Chivas eine Stütze. Seit acht Jahren begleitet sie der Hund durchs Leben. Wenn sie von sich erzählt, wird die sonst so lebendige Katharina, die manchmal vor Worten nur so überquillt, nachdenklich und still. Während sie tagtäglich für andere Menschen da ist, die dem Sterben nahe sind, ist die Vergänglichkeit in ihrem eigenen Leben genauso präsent. Sie hat eine Hirntumorerkrankung überwunden, ist mittlerweile geheilt. „Es gibt von Bernhard Clairvaux (Anm. d. Red.: ein Heiliger und mittelalterlicher Mönch) diesen Satz: Du kannst nur aus deinem eigenen Überfluss weitergeben. Wenn deine Schale leer ist, musst du sie erst wieder füllen, oder füllen lassen.“ Sich einzugestehen, dass ihr eigenes Leben ebenso begrenzt ist wie das anderer Menschen, sei für sie eine wichtige Einsicht gewesen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen achtsam werden, wenn eine Frau beim Bäcker etwas länger braucht oder ihnen im Winter jemand mit Sandalen entgegenkommt.

„Nur aus dieser Erkenntnis heraus gelingt echte Begegnung.“ Es klingt nicht nach Selbstmitleid, wenn Katharina das sagt. Vielmehr scheint sie auch jetzt, wo andere verzweifeln oder aufgeben würden, zu lernen: „Ich wusste auch vorher rational, dass ich endlich bin – aber diese Erfahrung hat mich offen gemacht. Ich kann jetzt auch Sterbewünsche sehr gut verstehen, wenn es unerträglich wird, zu leben.“ Ausgleich zu ihrer Arbeit findet Katharina bei Freund*innen, beim Tanzen und in ihrem Glauben an Gott – der Glaube daran, dass alles seinen Sinn hat.

Es ist schwer, sich auszumalen, was genau in Katharina vorgeht, wenn sie all das erzählt. Sie spricht offen und ehrlich über sich und über die Wunden, die ihr das Leben zugefügt hat. „Für mich ist das ganze Leben ein Vergehen und Werden – das ist zugleich die Botschaft, die ich zu den Menschen bringen möchte: Es gibt sie, die Auferstehung in unserem Leben.“ Diese Offenheit wünscht sie sich auch in der Art und Weise, wie allgemein mit Demenz umgegangen wird: „Ich wünsche mir, dass die Menschen achtsam werden, wenn eine Frau beim Bäcker etwas länger braucht oder ihnen im Winter jemand mit Sandalen entgegenkommt. Dass eine Gesellschaft geschaffen wird, in der Menschen mit Demenz ihren Platz haben und wir sie gemeinschaftlich in unsere Mitte nehmen.“